Megamarsch Bremen: Ein Erfahrungsbericht

Aber nichts geht übers Gehen 

Fortbewegung zu Fuß

Du entbietest dem Planeten 

Deine Spuren als Gruß

(Heinz Rudolf Kunze)


Irgendwann, zu Beginn des Jahres, lud eine Freundin mich auf Facebook zum Megamarsch Bremen ein. Ich hatte an dem betreffenden Wochenende – Samstag, den 08. Juni – noch nichts vor. Also meldete ich mich an. Zum einen, weil ich es einfach einmal ausprobieren wollte, zum anderen, weil ich mir sicher war, die 50 Kilometer schaffen zu können. In den vergangenen fünf Jahren bin ich über 2.000 Kilometer kreuz und quer durch Deutschland gewandert. Natürlich nicht durchgängig, sondern in Etappen. Zugegeben, die Tagesstrecken auf meinen regulären Wanderungen sind maximal 25 Kilometer lang, dennoch würde ich mich diesbezüglich als einigermaßen fit betrachten. Großartige Vorbereitungen waren daher nicht angedacht. Ich meine: 50 km GEHEN. Was soll da passieren? Klar, Laufen wäre eine andere Sache. Vor ziemlich genau zehn Jahren hatte ich am Hamburg-Marathon teilgenommen. Die Entschluss hatte ich Neujahr gefasst – der Marathon fand im April statt. War keine so knackige Idee. Aber wenn ich schon 25 Kilometer geschafft habe, was soll dann bei 50 anders sein?

 

Also stehe ich am Samstag, den 08. Juni, um 8:00 Uhr morgens auf der Grillwiese am Werdersee inmitten von Bremen, zeige am Einlass mein blaues Armband vor, und bin damit offizieller Teilnehmer des Megamarsches Bremen 2019.

 

Start

 

Das erste, was mir auffällt: Die insgesamt mehr als 1.500 Marschierer kommen aus allen denkbaren Alters- und BMI-Klassen. Rein von der Optik her würde ich dem ein oder anderen nicht mal den unfallfreien Weg aufs Sofa zutrauen. Vor zwei Jahren musste eine ähnliche Veranstaltung, der Mammutmarsch über 100 Kilometer in Berlin, abgebrochen werden, weil ein nicht unbedeutender Anteil der Marschierer es als grandiosen Einfall betrachtete, gänzlich unvorbereitet, mit Bollerwagen, Bier und in Flip-Flops wie beim Männertag an den Start zu gehen. Die Anwesenden hier erscheinen dagegen angemessen ausgestattet und nüchtern. Außerdem lehrt die Erfahrung, dass sich vom Erscheinungsbild kaum auf die Leistungsfähigkeit schließen lässt. Zumal wenigstens das letzte Viertel der kommenden 50 Kilometer mehr eine mentale Hürde darstellen wird.

 

Damit die mich nicht allzu heftig erwischt, habe ich regelmäßige Pausen eingeplant und mir dafür ein ausgefuchstes System zurechtgelegt. Um 50 Kilometer in zwölf Stunden zurückzulegen (denn so viel Zeit ist maximal angesetzt), benötige ich eine Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 4,2 km/h. Kommen die Pausen dazu, muss ich etwas anders kalkulieren. Meine Idee besteht darin, nach jeweils einer Stunde Marsch eine kurze Pause einzulegen. Das heißt, pro Pause bleiben mir exakt 13 Minuten und 20 Sekunden. Nicht üppig, aber auch nicht wenig. Die Marschgeschwindigkeit erhöht sich damit auf exakt 5 km/h, was einem flotten, aber nicht unverhältnismäßig schnellen Gehtempo entspricht. Keine Ahnung, ob das System schlau ist ist und ich es durchziehe. Entweder, ich werde als strahlender Finisher die Ziellinie überschreiten oder irgendwo jämmerlich in der oldenburgischen Steppe verenden.

 

Noch herrscht eine leicht summende Vorstartnervorsität. Verstreut über die Wiese tummeln sich die Wanderer, zum Teil auf bereitgestellten Bierzeltgarnituren, schnüren noch einmal ihre Schuhe, räumen in ihren Rucksäcken herum oder nehmen eines der Dixi-Klos in Beschlag. Ein Food-Truck ist vor Ort, der vegane Snacks anbietet und da ich auf dem Hinweg den Bäcker übersprungen habe, kaufe ich mir für 3,50 Euro noch ein Brötchen mit geräuchertem Tofuschnitzel, dass jetzt nicht der Oberhammer ist, aber für eine gewisse Grundlage im Magen sorgt.

 

Angekündigt waren für heute bewölkter Himmel bei 16 Grad und starken Böen. Tatsächlich hält die Wettervorhersage sich daran. Die erste Startgruppe ist bereits um 8:00 Uhr losgegangen und längst hinter dem Horizont verschwunden. Aus logistischen Gründen (vermute ich mal), ist das Teilnehmerfeld in insgesamt vier Gruppen aufgeteilt, von denen ich mir die letzte ausgesucht habe. Es eilt ja nicht. Trotzdem hätte ich nichts dagegen, wenn es demnächst mal losgehen würde. Der Wind ist nämlich unangenehm kalt und nach ein paar Minuten des Herumstehens ziehe mir mein zweites Oberteil über, während direkt neben mir ein Teilnehmer tiefenentspannt in Shirt und kurzen Hosen wartet. Einer von uns beiden lebt offensichtlich außerhalb der Matrix.

 

Um exakt 8:40 passiere ich die Startlinie und lasse meine GPS-App anlaufen. Schließlich will nicht nur meine Zeit nehmen, sondern auch wissen, ob ich wirklich 50 Kilometer absolviert habe.

 

Kilometer 1

 

Die ersten Meter sind furchtbar. Es ist voll wie beim Adventsbummel, so dass sich kein echter Flow einstellen will. Stattdessen habe ich das Gefühl, eher in einem Slow festzuhängen. (Hammer-Wortspiel!) Vorne und hinten kein Platz, ständig, überholt jemand oder fällt zurück oder zusammenklebende und angeregt quasselnde Grüppchen verhindern ein schnelleres Fortkommen. Gefühlt schleppt sich das Feld fußlahm über die Strecke, meine Wander-App konstatiert allerdings ein flottes Tempo von 6.2 km/h. Auf Dauer wird das nicht so bleiben.

 

Kilometer 4

 

Noch immer bewege ich mich in einem größeren Pulk und durch die Vorstädte Bremens. In meiner unmittelbaren Umgebung werden mindestens zwei Telefongespräche geführt. Eines, soviel bekomme ich mit, dreht sich um den Freund eines Freundes, der mittlerweile zum Reichsbürgertum konvertiert ist, was unter anderem die Frage aufwirft: "Woher kriegt der seine ganze Kohle?" Offensichtlich sind wir da einer heißen Sache auf der Spur. Drei Meter vor mir nuckelt ein Typ tatsächlich an seinem Vaporizer und stößt in regelmäßigen Abständen süßliche Dampfschwaden aus. Warum man so ein Ding auf einen 50-Kilometer-Marsch mitschleppt, erschließt sich mir nicht. Allerdings werde ich auch später immer wieder Teilnehmer sehen, die sich an den Verpflegungsstationen erstmal eine Kippe anstecken. Es gibt schon komische Menschen.

 

Es ist unsexy, während eines Marsches an der Ampel warten zu müssen. Aber wohl nicht anders machbar, wenn es durch die Stadt geht. Die Autofahrer haben – soweit ersichtlich – Verständnis. Und ich lerne Ecken von Bremen kennen, die ich vorher noch nie besucht habe und die durchaus ihren Charme besitzen. Huchting zum Beispiel ist gar nicht so hässlich, wie man das immer denkt.

 

Kilometer 7

 

Langsam entzerrt sich das Feld. Noch immer ist es bewölkt und etwas düster, aber fürs Wandern im Prinzip genau das richtige Wetter. Nicht zu kalt und nicht zu warm. In jedem Fall bin ich froh, ein langes Oberteil eingepackt zu haben. Die Regenklamotten dagegen habe ich zu Hause gelassen. Derzeit liegt die Regenwahrscheinlichkeit laut Wetter-App bei 40 %. Die Wandererfahrung sagt: Dann regnet es nicht.

 

Bemerkenswert ist die unterschiedliche Ausstattung der Teilnehmer. Ich habe schon mehrere Leute mit Trinkrucksäcken gesehen (was ich persönlich etwas overdressed finde), vollkommen überdimensionierte Armeerucksäcke mit Regenschutz, genauso wie Marschierer in Jeans und ohne jegliches Zusatzgepäck, die aussehen, als wollten sie nur mal eben um die Ecke zum Supermarkt. Auch beim Schuhwerk ist eine breite Palette zu beobachten, von topmodernen Trekkingschuhen über die guten alten Bundeswehrstiefel bis hin zu Sneakern. Ich befinde mich ausstattungsmäßig irgendwo im gehobenen Mittelfeld.

 

Die meisten sind offensichtlich in Gruppen oder mindestens zu zweit unterwegs, dazwischen nur vereinzelt Solisten wie ich. Ich habe mich bewusst keiner Gruppe angeschlossen oder Freunde und Bekannte gefragt, ob sie mitlaufen wollen. Ich möchte mein eigenes Tempo gehen und darüber hinaus meine Ruhe haben. Das mag jetzt ein wenig schwülstig klingen, aber Wandern ist für mich zu einem Großteil Meditation. Wenn ich mit meiner Frau unterwegs bin kann es passieren, dass wir stundenlang kaum ein Wort wechseln, sondern die Stille genießen. Die meisten Teilnehmer dagegen quatschen noch immer ausgiebig und lautstark. Um mich dagegen abzuschirmen, wollte ich Kopfhörer mitnehmen und Musik hören, entdecke aber, dass ich sie im morgendlichen Eifer (ich war etwas spät dran) zu Hause vergessen habe. Dann eben nicht.

 

Kilometer 10

 

Die erste Verpflegungsstation. Ich fühle mich fit und im Flow, also also halte ich mich nicht mit großartigen Mätzchen auf, sondern marschiere schnurstracks weiter durch die herumlungernden Wanderer, die sich entweder mit Bananen vollstopfen oder in ersten Dehnübungen ergehen. Ich verspüre weder Hunger oder Durst noch Ermüdung und sehe insgesamt keinen Grund, eine Pause einzulegen. Meine Planung werfe ich in die mentale Mülltonne und zum ersten Mal reift in mir die Idee, den Marsch ohne jegliche Pause durchzuziehen. Vollends überzeugt bin ich allerdings noch nicht. Auf 50 Kilometern kann viel passieren.

 

Kilometer 12

 

Varrel. Auch so ein Dorf, mit dem man sich nie beschäftigt hat. Eine Frau steht in ihrem Vorgarten und fragt: "Wo geht‘s hin?" Auf die Antwort "Wildeshausen" hin winkt sie nur lachend ab und verschwindet in ihrem Haus. Vermutlich wird sie sich aufs Sofa fläzen und ‘ne Runde Netflix reinziehen.

 

Kilometer 13

 

Das Feld ist jetzt weit auseinandergezogen und die einzelnen Grüppchen auf der Strecke verstreut wie Pilzkolonien. Ich versuche mich strategisch im Niemandsland dazwischen zu platzieren, mit jeweils zwanzig Metern persönlicher Knautschzone nach vorne und hinten. So habe ich weiterhin meine Ruhe und nicht ständig das Gesabbel anderer Leute am Ohr. Mangels Musik sucht mein Gehirn nach Liedern, die meinem Gehrhythmus entsprechen. Zunächst versuche ich es mit der Bonzo Dog Band und "Look Out, There‘s A Monster Coming", aber das ist zu schnell. Besser kommt "Pincushion" von ZZ Top, das für die nächsten Minuten mein Wegbegleiter wird. Ich bin geradezu euphorisch!

 

Kilometer 14

 

Hier steht die sogenannte Power-Station. Es wird alkoholfreies Krombacher ausgeschenkt. Krombacher! Alkoholfrei! Also gleich zweimal kein echtes Bier. Ich lehne dankend ab und setze meinen Weg fort.

 

Kilometer 16

 

Die Delmenhorster (oder Delmenhorstener?), um das mal zu sagen, sind Umweltferkel erster Kajüte. Der Seitenstreifen beim Kaufland an der Syker Straße ist derart von Müll übersät, hauptsächlich Einkaufsbelege und leere McDonald‘s-Verpackungen, dass man das Gras darunter kaum noch sehen kann. Kein Wunder, dass Sarah Connor weggezogen ist.

 

Kilometer 18

 

Die zweite Verpflegungsstation. Nachdem ich bei der ersten gar nicht erst Halt gemacht habe, bin ich jetzt überrascht, was alles aufgefahren wird: Neben den üblichen Bananen auch Brötchen, saure Gurken und eine Art Riesen-Bifi, zerschnippelt in bissgerechte Portionen sowie weitere, hauptsächlich kohlenhydratreiche Snacks. Ich klaube – im Gehen, wohlgemerkt! – zwei Brötchen plus einen der Wurstbrocken zusammen und verbringe die folgenden dreihundert Meter mit Essen. Dann ziehe ich zum ersten Mal meine Apfelsaftschorle aus dem Rucksack (ebenfalls im Gehen) und trinke (auch das im Gehen). Anschließend fühle ich mich wohlgesättigt wie ein Baby und lasse mein Umfeld durch lautstarkes Aufstoßen an dieser Erkenntnis teilhaben. Niemand reagiert.

 

Aufgeschnappte Gesprächsfetzen aus dem Grüppchen hinter mir:

"Der Willi hat jetzt auch Schalentiere."

- "Der hat was?"

"Krebs!"

 

Kilometer 20

 

Das Schild am Straßenrand behauptet "20 Kilometer". Laut meinem GPS sind es allerdings erst 19,5 Kilometer, was mich verwirrt. Also muss ich jetzt immer einen halben Kilometer draufrechnen, oder was? Na, soll mir recht sein, dann habe ich mehr zurückgelegt, als mein Handy anzeigt. Umgekehrt wäre es deutlich blöder. Delmenhorst liegt (völlig zu Recht) hinter uns und die Strecke schlängelt sich jetzt über von Birken gesäumten Feldwege und – wie ich Google Maps entnehme – vorbei an der Lachmöwenkolonie Stelle. Muss man wissen.

 

Es ist interessant zu sehen, was für ein mentales Priming man sich selber verpasst. Steht eine 20-Kilometer-Tour auf dem Plan, werde ich erfahrungsgemäß ab Kilometer 18 quengelig und am Ziel fühle ich mich augelaugt und erschöpft. Heute war ich von Beginn an auf 50 km eingestellt. Und schon verschieben sich die Dimensionen vollständig. Die ersten 20 Kilometer sind mir wie ein Spaziergang vorgekommen. Gefühlt könnte ich ewig weiterlaufen und dabei habe ich noch immer keine Pause eingelegt.

 

Kilometer 22

 

Der Vorteil eines Marsches im Oldenburger Land: Es ist flach. Der Nachteil eines Marsches im Oldenburger Land: Es ist flach. Der Vorteil liegt auf der Hand: Keine großen Steigungen und damit nichts, was den ohnehin anstrengenden Marsch noch anstrengender werden lässt. Der Nachteil ist eher psychisch gelagert: Die Natur biete nicht wirklich Abwechslung. Felder wechseln sich größtenteils mit anderen Feldern ab, was auf Dauer mental ermüdet. Um mich zu beschäftigen, versuche ich, jeden Meter der zurückgelegten Strecke visuell zu rekapitulieren, was mir aber nicht gelingt. Also kehre ich zu meiner inneren Jukebox zurück und synchronisiere meine Atmung mit dem Marschrhythmus. Hauptsache, weiter!

 

Kilometer 25

 

Bergfest! Halbzeit! Wie auch immer man es nennen will. Das kleine Schild mit der "25" darauf euphorisiert ungemein. Ab jetzt wird runtergezählt. Insgesamt geht es mir einigermaßen gut, nur in meinen Zehenballen spüre ich ein leichtes Brennen aufkeimen. Kurz hinter der Markierung quert die Marschroute die A1. An der Brücke sitzt ein gutes Dutzend Marschierer und knetet sich die Füße. Waschlappen, allesamt. Ich würde sie gern an den Wahlspruch der Marines erinnern: "Pain is just weakness leaving the body." So sieht‘s doch aus, alles andere sind Kinkerlitzchen. Von nix kommt nix und "No pain, no gain". Tatsächlich sage ich gar nichts, sondern halte trotz der leichten Steigung und dem anschließenden Übergang auf ein unbequemes Kopfsteinpflaster bemüht meinen Rhythmus bei. Nur nicht aus dem Konzept bringen lassen. Ich horche kurz in meine Blase, aber da meldet sich niemand. Pinkeln ist nicht angezeigt. Meine durchschnittliche Geschwindigkeit liegt laut App weiterhin bei exakt 6 km/h, wofür ich mir innerlich auf die Schulter klopfe. Wenn ich das so durchhalte, sollte ich ziemlich exakt um 17 Uhr im Ziel sein.

 

Kilometer 28

 

Dritte Verpflegungsstation. Hinterhältigerweise nicht direkt an der Strecke, sondern bei der Freiwilligen Feuerwehr um die Ecke. Um an Essen zu gelangen, muss man etwa 50 Meter Hofeinfahrt bewältigen (bergauf!). Ich beschließe, dass es das Wert ist und sammle erneut ein paar Brötchen ein (dieses Mal drei) sowie eine Wurst. Auch jetzt achte ich bei der Sammelei darauf, nicht stehenzubleiben. Wenn schon, denn schon. Der Ehrgeiz, es ohne echte Pause zu schaffen, ist mittlerweile übermächtig. Wie ich das mit dem Pinkeln löse, wenn es denn soweit sein sollte, weiß ich noch nicht. Vermutlich wie professionelle Radsportler: Seitlich raushängen und laufen lassen.

 

Kilometer 30

 

Innerlich mache ich einen Freudensprung: Zwei Drittel geschafft – jetzt kommt nicht mehr viel. Ein paar Minuten verstreichen, ehe mir bewusst wird, dass 30 von 50 mitnichten zwei Drittel sind und ich doch noch ein größeres Stückchen vor mir habe, als im ersten Moment gedacht. Schuld an meiner Rechenschwäche sind übrigens meine Eltern, die sämtliche naturwissenschaftlichen Fähigkeiten an meinen Bruder vererbt haben.

 

Das leichte Brennen in den Zehenballen ist mittlerweile zu einem dumpf-schwelenden Flächenbrand erwachsen. Nicht so, dass ich wirklich Probleme hätte, aber ich spüre: Da brodelt was. Blasenpflaster habe ich dabei und es wäre durchaus vernünftig, sich mal eben hinzusetzen und die Dinger aufzukleben, wenn ich mir nicht die Fußsohlen kaputtmarschieren will. Dagegen sprechen die Gesetze meines Marschuniversums, in dem Pausen nicht vorkommen. Gepaart mit einem leichten Durst nach Selbstbestrafung. Wenn ich hier schon Geld dafür bezahle, 50 Kilometer marschieren zu dürfen, dann will ich auch standesgemäß leiden. Wo wäre denn der Sinn bei der ganzen Sache, wenn ich das auf der linken Pobacke ablaufe? Nein, so einfach werde ich mir das nicht machen. Ich weiß zwar nicht, wo genau meine Komfortzone liegt und wie groß sie ist, aber ich verspüre eine innere Verpflichtung, sie zu verlassen. Irgendwelche imaginären Grenzen zu überschreiten und einfach mal zu sehen, was ich so aushalte. Außerdem sind Blasenpflaster so 2018!

 

Kilometer 31

 

Zum wirklich ersten Mal macht sich so etwas wie Erschöpfung in mir breit. Die Erkenntnis, noch 19 Kilometer abreißen zu müssen, legt sich düster und schwer wie eine kratzige Decke über mein bis dato sonniges Gemüt. Das liegt vorrangig an meinen Füßen. Der Rest meines Körpers ist soweit ok, aber das Brennen in den Zehenballen ist zu einem konstanten Wegbegleiter geworden, der mich bei jedem Schritt daran erinnert, dass irgendwie irgendwas da unten nicht stimmt. Insbesondere beim Wechsel auf einen anderen Untergrund. Wir biegen – mal wieder – von Straße auf Feldweg ab und der unregelmäßige Boden verlangt den Fußsohlen einiges ab. Ich versuche hartnäckig, den Schmerz zu ignorieren und mich mit Denksportaufgaben abzulenken. Aber ich kann jetzt nicht 19 Kilometer lang irgendwelche Rätsel lösen. Wo bleibt da der meditative Charakter?

 

Vor mir marschieren zwei Damen mittleren Alters im Zwillingslook: Beide mit rotgefärbten Haaren und in kurzen schlumpfblauen Leggins, die so stramm sitzen, dass ich mich frage, wie unterhalb der Knie überhaupt noch so etwas wie Blutzirkulation stattfinden kann. Ein selten albernes Outfit für diese Veranstaltung. Überhaupt gehen mir gerade alle Mitmarschierer mächtig auf den Senkel. Die einen gehen zu langsam, die anderen zu schnell, die einen reden und die anderen bringen mich mit ihrem Schweigen zur Verzweiflung. Hatte ich vorhin gesagt, ich würde ab einem gewissen Zeitpunkt quengelig? Jetzt sind wir soweit!

 

Kilometer 33

 

Es ist amtlich: Da sind zwei Blasen unter meinen Füßen. Und zwar ziemliche Kaventsmänner, so wie sich das anfühlt. Beide unter den Zehenballen und ich meine bei jedem Schritt fühlen zu können, wie sich die Flüssigkeit in ihnen hin- und herschiebt wie ungesicherte Container auf einem Schiff. In den vergangenen Tagen hatte ich lange überlegt, welche Schuhe ich anziehen soll. Meine regulären Wanderstiefel, die mich schon ein paar tausend Kilometer begleitet haben, oder die normalen Laufschuhe. Aus rein ökonomischen Gründen (Gewichtsersparnis) habe ich mich für die Laufschuhe entschieden. Jetzt erscheint mir das als nicht so zwingend goldige Idee. Laufen kann ich darin bestens – Langstreckenwandern aber ist eine gänzlich andere Nummer. Da sich die Sache jetzt allerdings nicht mehr ändern lässt, ist es auch müßig, sich deswegen den Kopf zu zerbrechen.

 

Kilometer 35

 

Mich erstaunt, mit welchem Tempo mich andere Teilnehmer überholen. Bzw. dass sie es überhaupt tun. Gerade zum Beispiel zieht eine schlanke Dame an mir vorbei, geschätzte 60 Jahre alt, deren Leben sich ihrem Äußeren nach hauptsächlich in Turnhallen und auf Sportplätzen abgespielt hat. Das Mysteriöse: Ich gehe in exakt demselben Rhythmus wie sie, wobei sie zwei Köpfe kleiner ist als ich. Und trotzdem holt sie mit jedem Schritt offensichtlich mehr Strecke aus ihren deutlich kürzeren Beinen, so dass der Abstand zwischen uns sich zunehmend vergrößert. Keine Ahnung, wie das physikalisch zu erklären ist. Ich versuche für ein paar Meter mit ihr Schritt zu halten, aber es ist zwecklos und sie zieht von dannen.

 

Kilometer 36

 

Es geht nicht anders, ich muss dringend pinkeln. Jetzt oder nie. Rechts die Straße, links der Wald, direkt hinter mir niemand. Ich biege nach links ab und bereue den Schritt auf den nachgiebigen Waldboden sofort. Sobald ich meinen angestammten Rhythmus verlasse und mich auf unebenes Terrain begebe, schreien meine Füße Zeter und Mordio. Aber ein paar Meter muss ich in den Wald hineinstaken. Anders lässt sich meine Fortbewegung mittlerweile nicht mehr beschreiben. Elegant zumindest sieht es nicht aus. Erleichtert stolpere ich anschließend zurück auf den Pfad. Nur zwei andere Teilnehmer sind in der Zeit an mir vorbeigezogen. Ich beiße die Zähne zusammen und suche meinen Rhythmus wieder. Die aufmunternde WhatsApp eines Freundes erreicht mich. Noch 14 Kilometer.

 

Kilometer 38

 

Letzte Verpflegungsstation. Ich fühle mich satt und habe auch noch etwas zu trinken dabei. Und momentan geht mir sowieso jeder und alles auf die Nerven. Also spare ich mir die 100 Meter Umweg bis zum Brötchenstand. Lieber weitergehen, nicht rausbringen lassen. In meiner linken Kniekehle arbeitet sich langsam aber sich ein ziehender Schmerz empor, den ich nicht einordnen kann. Vermutlich laufe ich der lädierten Füße wegen ziemlich unrund.

 

Kilometer 40

 

Let the mind games begin. Noch 10 Kilometer. Im Vergleich zu den bereits zurückgelegten 40 Kilometern ist das natürlich ein Klacks. "Hast Du mal den Drachen besiegt, ist der Kampf mit dem Krokodil nicht mehr so schlimm." Keine Ahnung, woher der Spruch stammt oder ob er etwas anders ging. Zur Motivation reicht‘s allemal.

 

Kilometer 42

 

Wer hatte bloß diesen absurd dämlichen Gedanken, an so einem Marsch teilzunehmen? Ach so, das war ich. Nix für ungut.

 

Kilometer 46

 

Erneute Pinkelpause. Ich biege in einen kleinen Pfad nach links ab und stelle mich hinter einen Baum. Jeder Schritt außerhalb meines Marschrhythmus‘ lässt meine Fußsohlen brennen wie Zedernholz. Jetzt hinsetzen, das wär was. Aber ich weiß, dass ich dann vermutlich nicht wieder aufstehen werde. Zumindest nicht vor sieben Uhr abends, gerade so, dass ich es noch bis zur Sperrstunde um 20.30 Uhr ins Ziel schaffen könnte.

 

Wirklich klar sortierte Gedanken kann ich gerade nicht mehr fassen. Es sind eher zusammenhanglose Assoziationsketten, die sich von ganz alleine bilden und wieder zerbröseln. Als wäre irgendeine Barriere im Gehirn gefallen. "Lieber Influenza haben, als Influencer sein" denke ich zum Beispiel und kichere wie ein Idiot. Aus dem Nichts fällt mir dann ein Test aus der Grundschule ein, in dem ich damals fälschlicherweise ankreuzte, dass ich bei einem Zimmerbrand nicht die Feuerwehr rufen würde. Was mich im Ergebnis nicht über eine 2+ hinauskommen ließ und bis heute ärgert (die Frage war zweideutig gestellt). Meiner Ansicht nach sollten Psychotherapien erst im Rahmen von Wanderungen ab 30 Kilometern stattfinden. Der Therapeut könnte bequem in seinem Golfwägelchen über die Strecke zuckeln und seinen Patienten frei schwadronieren lassen, während dessen gehirneigener Zensor erschöpfungsbedingt längst abgemeldet ist. Man würde sehr viel schneller sehr viel mehr von den Leuten erfahren. Und tut noch was für den Kreislauf.

 

Kilometer 47

 

Ich muss unweigerlich an "Todesmarsch" von Stephen King denken. Einhundert junge Männer treten einen Weg ins Verderben an. Denn jeder, der unter die vorgeschriebene Geschwindigkeit von 4 Meilen pro Stunde fällt oder nicht mehr weiter kann, wird erschossen. Eignet sich nur bedingt als Lektüre, um die Laune zu heben. Momentan wäre ich noch nicht soweit, das Angebot eines Gnadenschusses dankend anzunehmen. Hätte aber nichts dagegen, wenn jetzt, sagen wir mal, eine Wildschweinrotte aus dem Unterholz brechen und mich über den Haufen rennen würde. Das wäre mal eine Entschuldigung, den Lauf zu beenden. Wikipedia teilt mir übrigens mit, dass es in Schweden einen an Kings Roman angelehnten Wettkampf gibt, allerdings ohne das Erschießen. Man gibt lediglich auf, und wer als Letzter übrigbleibt, hat gewonnen. Im Geiste mache ich den Vermerk, Schweden in Zukunft großräumig zu umfahren.

 

Jeder Schritt tut jetzt weh, und paradoxerweise hält mich das in Bewegung. Weil ich den Schmerz kenne und einzuschätzen vermag. Weil er eine gewisse Konstante darstellt. Würde ich anhalten, wäre die Kette unterbrochen. Ich würde nur unter größten Anstrengungen wieder in Bewegung kommen, und – deutlich wichtiger – ich wüsste nicht, wie und ob sich vielleicht der Schmerz dabei verändern würde. Also lieber auf der sicheren Seite bleiben. Darüber hinaus weiß ich, dass ich mit jedem Schritt dem Ziel näherkomme. Irgendwann muss der Blödsinn hier ja mal ein Ende haben.

 

Kilometer 48

 

Es ist passiert: Als ich meinen rechten Fuß aufsetze, spüre ich deutlich, wie die riesige Blase unter den Zehenballen platzt. Es ist ein bisschen so, als habe man sich in die Hose gemacht: Plötzlich wird alles sehr warm und sehr feucht. Tatsächlich meine ich zu spüren, dass der halbe Schuh unter Wasser steht. Nur bedingt schön. Dazu gesellt sich ein neuer, intensiv brennender Schmerz und ich setze mich das erste Mal überhaupt während dieses Marsches hin. Aufgeben ist allerdings keine Option – schon mal gar nicht so kurz vor dem Ziel. Also kurz den Fuß ein bisschen bewegt, aufgestanden und weitergelaufen. Der Schmerz beruhigt sich nach ein paar Metern wieder bzw. kehrt auf sein ursprüngliches Niveau zurück. Kenne ich, kann ich mit arbeiten. Noch zwei Kilometer. Mein innerer Udo Bölts meldet sich. "Quäl‘ Dich, Du Sau!" hat er bei der Tour de France 1997 Jan Ullrich angemault.
Ok, mach‘ ich.

 

Kilometer 49

 

Ich laufe nur noch auf Notstrom. So muss David Goggins sich bei seinen Unternehmungen fühlen. Wobei: Goggins‘ Hampeleien sind ein Witz gegen die schier übermenschlichen Willensanstrengungen, die ich gerade in die Wildeshausener Geest schwitze. Gut, er hat damals, bei seinem ersten 100-Kilometer-Lauf Blut gepinkelt und sich die Füße gebrochen. Aber darauf soll die Flitzpiepe sich mal lieber nichts einbilden. Ich habe beinahe Krombacher alkoholfrei getrunken. Das ist mal ein Ritt auf der Rasierklinge zwischen Leben und Tod, Freundchen.

 

An viele Details des Hamburg-Marathons kann ich mich nicht mehr erinnern, sehr präsent ist allerdings noch immer der Läufer, den ich etwa bei Kilometer 40 auf dem Gorch-Fock-Wall überholte. Er schleppte sich in Zeitlupe über die Strecke, schnaufte wie eine Lokomotive und fauchte alle paar Sekunden zwischen den Zähnen hervor: "Wo ist das Ziel? Wo ist das verdammte Scheißziel?" Momentan kann ich das sehr gut nachfühlen.

 

Auf dem letzten Kilometer haben die Megamarsch-Organisatoren dankenswerterweise Schilder in 100-Meter-Abständen aufgestellt. Da kann man sich mental gut dran entlanghangeln. Nicht so dankenswerterweise stehen da motivierende Sprüche drauf. „Jetzt nicht aufgeben“ und sowas. Das mag ich ja haben. Die Nummer hat schon als Kind nicht bei mir gezogen. Sobald jemand mich jenseits einer bestimmten Ermüdungsschwelle versucht anzufeuern, mache ich innerlich dicht und schmiede Gewaltfantasien. Im Geiste erwidere ich jeden der Plakatsprüche mit einem herzhaften "Halt die Fresse!" und versuche mich weiter auf die Strecke zu konzentrieren.

 

Kilometer 50

 

Zieleinlauf. Ich bringe die Kraft auf, den höflich, wenn auch etwas sparsam applaudierenden Zuschauern freundlich zuzunicken, gebe dabei aber vermutlich ein ziemlich erbärmliches Bild ab. Ich habe das Gefühl, jeder, wirklich jeder andere Teilnehmer ist in deutlich besserer Verfassung, aber vielleicht täuscht das auch. Es ist 17.43 Uhr, meine angepeilte Marke von achteinhalb Stunden habe ich damit verpasst, was mich ziemlich ärgert, wie ich zugeben muss.

 

Vor der Urkundenausgabe hat sich eine kleine Schlange gebildet. Ich stelle mich an, bemerke aber schon nach kurzer Zeit, dass offensichtlich sämtliches Blut in meine Waden absackt. Mir wird etwas schwummerig und schlecht. Lieber bewegen, obwohl ich jetzt eigentlich keinen Millimeter mehr gehen möchte. Aber bevor ich in den Zielbereich reihere oder ohnmächtig werde, setze ich doch lieber wieder einen Fuß vor den anderen. Und die Urkunde ist mir, ehrlich gesagt, sowieso egal.

 

Der Tag danach

 

Beim Duschen entdecke ich den Grund für den ziehenden Schmerz in meinem linken Kniekehle: Offenbar habe ich mir einen Muskel gezerrt oder angerissen oder was weiß ich. Jedenfalls prangt dort ein handtellergroßer Bluterguss, der sich in den kommenden Tage weiter über die gesamte Wade bis zum Fuß erstreckt. Da sage nochmal einer, Wandern sei gesund.

 

Fazit

 

Hätte man mich am Samstag, bei Kilometer 49 gefragt, ob ich den Blödsinn noch einmal mitmache, ich hätte mich frohen Mutes vor den nächstbesten LKW geschmissen. Heute denke ich: Warum nicht.

Megamarsch – wir sehen uns!

 


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Kommentare: 5
  • #1

    Susanne Hagemeister (Dienstag, 18 Juni 2019 13:26)

    Lieber Thomas,
    danke für diesen wunderbar humorvollen Einblich in Dein Seelenleben beim Marsch.
    Ich haben sehr gelacht.
    Lieben Gruß
    Susanne

  • #2

    Eric Will (Freitag, 05 Juli 2019 15:33)

    An Kings Todesmarsch musste ich ab der ersten Zeile denken - aber was anderes: Dein Bruder hat irgendwas mit Naturwissenschaften geerbt? Interessant. Nur was hat er damit gemacht - bei Ebay verschachert? Und was zur Hölle hat Rechnen überhaupt mit Naturwissenschaften zu tun?
    Trotzdem: sehr charmanter Artikel. Wollte die anderen auch noch lesen aber ich habe Feierabend - nächste Woche...

  • #3

    Peter Stolle (Samstag, 03 August 2019 08:34)

    Sehr schön geschrieben! Als Megamarschler in allen Punkten nachvollziehbar und was die Füße angeht auch nachspürbar! Ich würde als nächstes einen MM � empfehlen und bin auf den nachfolgenden ausführlichen Marschbericht gespannt!

  • #4

    Jens (Samstag, 03 August 2019 17:46)

    Super geschrieben!
    Das mit den Blasen hatte ich ab km 22.
    Daher bin ich bei Station 3 ausgestiegen.
    Anders als du, hatte ich die Wanderschuhe an und gab mich geärgert nicht die Sportschuh genommen zu haben.
    Wir sehen uns am 6.6.2020!

  • #5

    Pavel (Samstag, 03 August 2019 22:26)

    Bis März wusste ich gar nichts, dass es sowas wie MegaMarsch gibt und dann habe ich die seltsame Prozession bei uns (MM Dresden) gesehen. Ich wollte teilnehmen und MM Bremen war mein erster. Erstaunlicherweise habe ich in 8.5 geschafft obwohl ich an jeder VPS 10 bis 15 Minuten Stopp machte.
    Sehr gut geschrieben. Für mich waren die km 30 bis 40 die schwersten. Vor allem mental.
    An der Finishplanke dachte ich nie wieder. Habe aber seitdem in Düsseldorf finischiert (diesmal aber in 9 Stunden und 2 blasen).